«Meine Eltern waren keine bösen Menschen. Ich hatte eine normale, glückliche Kindheit. Es gibt keine dramatischen Bilder, wenn ich an meine Kindheit denke. Und doch geht es mir nicht wirklich gut. Als Erwachsene habe ich das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht. Aber ich weiss nicht was.»

So oder ähnlich tönt es öfters, wenn Menschen zu mir in meine Praxis finden. Solche Aussagen machen mich immer wieder sehr betroffen und traurig. Denn es ist klar, die allermeisten Eltern handeln aus Liebe, wollen nur das Beste für ihre Kinder. Und doch gibt es destruktive Muster und Verhaltensweisen, welche nicht aus böser Absicht ablaufen, sondern weil Eltern es nie selbst anders erfahren und gelernt haben.

Entwicklungs- oder Bindungstrauma entsteht in unseren frühen Kinderjahren schleichend durch chronischen emotionalen Mangel, durch Bindungsunsicherheit oder Spannungen im Familiensystem. Es prägt unser Selbstbild, unser Beziehungsverhalten und die Fähigkeit zur Selbstregulation sehr tief.

Im Rahmen der Trauma- und Bindungsforschung wissen wir heute, dass emotional verfügbare Eltern und Bezugspersonen als verlässliche Basis für Babys und Kinder existentiell wichtig sind. Es braucht eine emotionale Verlässlichkeit und eine Konsistenz für das Kind, damit es weiss, es ist immer Jemand da. So kann ein Kind innere Sicherheit aufbauen, was zu einem Vertrauen, vielleicht sogar zu einem Ur-Vertrauen führt im späteren Leben.Ein Kind muss nicht dauerhaft gehalten sein – es braucht ja dann ab etwa 1 ½ bis 2 Jahren Raum, um seinen Autonomie-Bewegungen nachzugehen. Jedoch muss ein Kind wissen: «Ich werde gehalten, wenn’s nötig ist. Also wenn ich überwältigt bin von inneren und äusseren Reizen.»

Zur Veranschaulichung ein paar Beispiele:

  • Das Kind ist traurig und weint.
  • Das Kind kommt ganz aufgeregt nach Hause.
  • Das Kind wurde für Etwas zurechtgewiesen, wofür es sich nach ein paar Tagen schämt.

Oft ist emotional niemand da, der sich die Zeit nimmt, dem Kind wirklich zuzuhören und mitzufühlen, was es erlebt hat.

  • Oder das Kind hat aus irgendeinem Grund Angst.

«Du musst lernen, das alleine durchzustehen. Stell dich nicht so an, du bist doch schon gross. Da können wir nichts tun, das musst du alleine schaffen.»

Das sind alles keine eigentlich dramatischen Ereignisse – aber sie hinterlassen eine innere Leere, ohne dass erwachsene Menschen genau benennen können, was es ist.

Kompensationsstrategien

Ein Kind, welches wenig emotionale Einstimmung und von Eltern kein wirkliches Interesse am Erleben erfährt, muss Strategien entwickeln, um mit diesem Schmerz umzugehen.

Beispielsweise passt sich das Kind an die «Erwartungen» der Umgebung an: Es zeigt eine freundliche Aussenfassade, weil das lebendige Innere des Kindes keinen emotionalen Resonanz-Raum findet bei den Eltern. Das Kind zieht sich innerlich zurück, macht zu, «versteckt» seine wahren Gefühle und Bedürfnisse – und wartet im Stillen. So ein Kind kann zusätzlich ins Funktionieren, ins Leisten und Übernehmen von Verantwortung flüchten – mit einer grossen inneren Leere und einer «Gefühls-Monotonie».

Emotionale Einstimmung und emotionale Verfügbarkeit der Eltern sind genauso existentiell bedeutsam wie Nahrung, Geborgenheit und Sicherheit. Emotional vernachlässigt lernt ein Kind: «Wenn ich Gefühle zeige, kommt nichts zurück, – also lasse ich es sein.»

Rechtshemisphärisch

Unsere rechte Hirnhälfte ist zuständig für die Regulation unserer Affekte, für die emotionale Verarbeitung von Emotionen und für die intuitive Wahrnehmung. Diese rechte Gehirnhälfte entwickelt sich schon vorgeburtlich (!) und unmittelbar nach der Geburt, und zwar durch direkte Resonanz zu den Bezugspersonen.

Und innerhalb der ersten zwei Lebensjahre (!) bilden sich diejenigen neuronalen Strukturen, die später im Leben unseren Umgang mit eigenen Gefühlen und Emotionen bestimmen.

Kennst du das vielleicht auch?

  • Es fällt dir schwer, deine Gefühle zu spüren und zu benennen?
  • Du kannst oft deine Gefühle als Erwachsene/r nicht wirklich gut regulieren, sondern “stopfst” sie so gut es geht weg?
  • Du kannst in deinen Beziehungen deine Gefühle nicht gut kommunizieren und auch nicht in sozialen Interaktionen einbringen?

Emotional unreife Eltern

In ihren spannenden Forschungsergebnissen hat Lindsey Gibson «emotional unreife Eltern» in vier Kategorien zusammengefasst:

Kinder haben aufgrund ihrer Abhängigkeit und ihrem Bedürfnis nach «Sicherheit» keine andere Wahl, als sich an die «emotionale Verfassung» ihrer Bezugspersonen anzupassen.

Das Tragischste darin ist, dass solche erwachsenen Menschen oftmals eine ganz tiefe Scham in sich tragen. Weil es keine wirklich bösen, dramatischen Handlungen seitens der Eltern gab, meinen sie, eigentlich «nichts» Schlimmes erlitten zu haben. Ihre Kindheit war, im Vergleich zu anderen Kindern, doch harmlos. Sie haben das Gefühl, sie dürften gar kein Trauma haben und schämen sich für die Leere, die Erschöpfung, die grossen Ängste und die Unfähigkeit, einfach Gefühle zu fühlen.

Solche Menschen missachten sehr oft ihre eigenen Bedürfnisse, weil sie als Kinder gelernt haben, dass Bedürfnisse unpassend und ein «Problem» sind.

Heilungsschritte & die Anerkennung des Schlimmen

Für diese Art von Prägungen gibt es keine einfache Lösung. Aber der erste Schritt – und vielleicht der wichtigste überhaupt – ist die Anerkennung, wie schlimm es damals für dich als Kind war. Dabei geht es nicht darum, unseren Eltern gegenüber undankbar zu sein oder ihnen Schuld zuzuweisen! Aber wir können erst etwas betrauern, wenn wir es benennen können. Die Arbeit für einen Erwachsenen ist, Schritt für Schritt zu lernen, das zu fühlen, was in der Kindheit nicht möglich war.

Mit dieser Erfahrung bist du nicht alleine: Die emotionale Vernachlässigung ist weit verbreitet in unserer Gesellschaft.

Und: Es ist «nachholbar», was du nicht bekommen hast. Du findest das nicht bei deinen Eltern, sondern bei Menschen, die wahrhaftig und wohlwollend da sein können mit dir, auch wenn sich Schwieriges zeigt. Auch du selbst kannst «Raum machen» in dir anzuerkennen, was du nicht bekommen hast. Es ist ein Weg, der Zeit braucht – aber er ist möglich und er ist lohnenswert!