Seit über 20 Jahren arbeite ich mit Menschen in meiner therapeutischen Praxis. Denke ich an die Anfänge zurück, wird mir bewusst, wie sehr sich meine Arbeit über die Jahre verändert hat. Als „Wahrheitssucherin“ haben mich nicht die „lauten“ oder trendigen Fachrichtungen interessiert. Meine Intuition hat mich auf Pfade geführt, wo nicht vermeintlich befreiende Katharsis oder spirituelle Höhenflüge im Mittelpunkt standen. Es ging mir immer irgendwie um die Arbeit „unterhalb der Arbeit“, das Berühren einer Schicht, die wir alle in uns tragen: Tiefe, Verbundenheit, Stille, Freiheit, Lebensfreude, Vertrauen, Frieden.
Auf meinem Weg habe ich für mich herausgefunden, dass es um die tiefgreifenden Kindheitsprägungen herum keinen Bypass gibt.
Keinen.
Denn unser Körper, unser Nervensystem, trägt die Anteile, die denken, sie seien zu viel, sie genügen nie oder sie seien nicht richtig – auch Jahrzehnte nach verletzenden, überwältigenden Erfarhungen. Schwierige, frühe Bindungsverletzungen sind tief in unserem Gehirn abgespeichert.
Selbstwertprobleme, nicht endende Beziehungskrisen und existenzielle Unverbundenheit sind keine oberflächlichen Themen, sondern Prägungen unserer (früh-)kindlichen Entwicklung. Wenn wir diese Erfahrungen unserer Kindheit, unseres «Inneren Kindes», nicht integrieren, fühlt sich unser ganzes Sein nie sicher genug, Platz für sich zu nehmen und sich zu entfalten. Nie.
Aber was heisst Integration von Bindungsverletzungen? Wenn wir lernen, in uns einen Raum zu schaffen, um die verdrängten Gefühle von damals anzuerkennen und zu uns zu nehmen, bekommen unsere Schattennanteile einen Ausdruck und eine Stimme.
Ich glaube, wir können unser «Inneres Kind» nicht heilen, aber wir können eine Partnerschaft mit ihm eingehen. Wenn dieser Teil in uns die Erlaubnis bekommt, sich zu bewegen und sich auszudrücken, wenn dieser kindliche Anteil mit allem Schwierigen gesehen und bezeugt wird, wird es endlich sicher für unser Nervensystem. Indem wir neue Referenzpunkte in uns kreieren, bauen wir neue unterstützende neuronale Verbindungen in unserem Gehirn. Das macht mit der Zeit möglich, alte Prägungen und ungute, traumatische Bindungserfahrungen zu überschreiben, welche alle unsere Entscheidungen und Beziehungen im Erwachsenenalter beeinflussen.