In diesen heissen Sommertagen beschäftige ich mich grade öfters mit Dr. Gabor Maté, einem aus Ungarn stammenden kanadischen Mediziner, Psychologen und weltweit sehr gefragten Trauma-Forscher und Trauma-Experte. Seine jüdische Familie entging nur knapp der Deportation unter der deutschen Besatzung und verliess Ungarn 1956.
Er hat den Satz geprägt: „Healing is not about feeling better, but getting better at feeling.” Zu Deutsch:
«Bei Heilung geht es nicht darum, sich besser zu fühlen, sondern besser zu werden im Fühlen.»
Wenn wir uns nach therapeutischer Unterstützung umschauen, ist unsere Motivation eigentlich immer: Ich will mich besser fühlen. Ich will weghaben, was mich bedrückt und was schmerzt. Daran ist im Grunde nichts falsch, denn dieser Leidensdruck, diese innere Not, ist das, was uns überhaupt in Bewegung bringt.
Durch die therapeutische Arbeit mehr Klarheit, Verstehen und innere Orientierung zu bekommen bei oft komplexen und verwirrenden Dynamiken, lässt uns oft erstmal besser und hoffnungsvoller fühlen. Aber wenn wir uns wirklich auf innere Arbeit einlassen, wird es am Anfang oft nicht nur angenehmer. Sondern es taucht mehr Inneres auf. Weil die Strategien, die unser Fühlen bisher taub gemacht haben und uns weniger spüren haben lassen, mit der Zeit weniger werden. Und dann kommt hoch, was darunter lag, unter dieser Taubheitsschwelle.
Das ist kein Zeichen, dass etwas in der Begleitung schief läuft. Es ist ein Zeichen, dass etwas aufgetaut ist.
Was wir in der therapeutischen Arbeit wirklich entwickeln, ist «Gefühls-Kapazität». Es ist die Fähigkeit, mit Gefühlen in Verbindung zu sein, sie da sein zu lassen – und zu fühlen. Wir trainieren die Fähigkeit, einen Raum in uns zu entwickeln, in dem wir mit unseren Gefühlen sein können. Wir lernen, in Kontakt zu sein mit unseren verschiedenen Gefühlen -, und dabei reguliert zu bleiben. Wir beziehen uns anders auf das, was in uns und in unserem Leben passiert – ohne es immer grade weghaben zu wollen.
Von einem meiner Lehrer habe ich einmal gehört, dass Gefühle der Treibstoff sind auf dem Weg zu unserem fühlenden Herzen.
Es ist für mich Freude und Berufung zugleich, mitfühlend und achtsam Räume zu halten für Menschen, die auf dem Weg sind zu authentischer, liebevoller Beziehung zu sich selbst und zu radikaler Selbsterkenntnis.